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LITTLE BOY
Solo Show
o.T. Raum für aktuelle Kunst, Luzern, CH, 2017

Arbeiten in der Ausstellung:
LITTLE BOY, 2017, Acryl auf Papier, 1260 × 220 cm
Trinity, 2017, Edition 3 + 1AP, Serie von 12 Siebdrucken auf Japanpapier, 65 × 41 cm
Holy Sonnet, 2017, Ölfarbe (Bleiweiss) auf Wand, Masse variabel

Little boy - hinter diesem kindlichen, unschuldig klingenden Namen verbirgt sich eine der grössten Tragödien der neueren Menschheitsgeschichte: Little boy heisst die Atombombe, die am 6. August 1945 über der japanischen Stadt Hiroshima vom amerikanischen Militär abgeworfen wurde und unmittelbar Tausenden von Menschen das Leben gekostet hat. LITTLE BOY nennt Sebastian Utzni auch seine Arbeit, die er im o. T. Raum präsentiert. In deren Zentrum steht ein Bastelbogen zu besagter Atombombe, mit dem diese in Originalgrösse nachgebaut werden könnte. Ein Bastelbogen als Reminiszenz an die Kindheit, hinter dem sich aber Grausames verbirgt. Natürlich ist Utznis Bastelbogen nicht zur Ausführung bestimmt; aber ist es nicht erschreckend, dass im heutigen Internetzeitalter tatsächlich für fast alles eine Do-it-yourself-Anleitung im Netz gefunden werden kann?
Auch hinter der schön anzusehenden Serie von Siebdrucken, die in leuchtenden Farben einen starken Akzent im Raum setzt, verbirgt sich Unheilvolles: Die abstrakten Bilder sind nichts Anderes als Detailausschnitte von fotografierten sogenannten Atompilzen. Es sind alles Aufnahmen von den Trinity-Tests, also den Tests für die Hiroshima-Bombe. Um ein Vielfaches vergrössert und ihres unmittelbaren Bedeutungsfeldes beraubt, erstrahlen sie in neuem, sehr ästhetischem Glanz. Dieser Farbexplosion gegenüber steht ein nur bei genauerem Hinsehen lesbarer Text: Ein Gedicht des britischen Dichters John Donne (1572-1631), das als Inspirationsquelle für den Code-Namen für die ersten Kernwaffentests, den bereits erwähntenTrinity-Tests, in der amerikanischen Wüste diente. Die Verse des Poems sind bereits in ihrem ursprünglichen, religiösen Kontext gewaltig; seit ihrer Verbindung zu den Atomversuchen evozieren sie nun aber eine weitere, geradezu erschütternde Lesart. Von besonderer Bedeutung ist auch das Farbmittel, welches Utzni für den Auftrag der Gedichtszeilen verwendet hat: Bleiweiss, einerseits ein giftiges, altmodisches Pigment - andererseits schützt Blei vor Radioaktivität.
Langsam fügt sich das grosse Bild, das Sebastian Utzni hier entwirft, zusammen; wie eine Art Mind-Map sind die verschiedenen Bestandteile der Arbeit LITTLE BOY miteinander vernetzt. Utzni betreibt für seine künstlerische Arbeit Recherche und Forschung (unter anderem auch in Form von physikalischen Experimenten) in hohem Umfang und in wissenschaftlicher Manier und interessiert sich für die grossen Zusammenhänge.
Wenn man als Besucher/in die Thematik des Bastelbogens, der Siebdruckserie oder der Gedichtzeilen erkannt hat, ergibt nun auch die Vitrine, die zu Beginn der Ausstellung vielleicht eher fragend und nur kurz betrachtet wird, einen Sinn. In einer amerikanischen Zeitschrift wird versucht, die Welt davon zu überzeugen, dass keine Langzeitschäden aufgrund radioaktiver Strahlung zu befürchten sind. Das weibliche Modell trägt Ohrringe, die aus Überresten von Atomversuchen hergestellten wurden - und scheint sich trotzdem bester Gesundheit zu erfreuen. Heute würden wir diesen Artikel wohl als "Fake News" einordnen. Kommt uns dies nicht irgendwie bekannt vor und ist "Fake News" nicht sowieso das Schlagwort unserer Zeit? Spätestens jetzt wird klar, dass Utzni hier nicht nur aus der Vergangenheit erzählt, sondern auch erschreckend aktuell ist.
(Text © Bettina Mühlebach, Aargauer Kunsthaus; Bilder © o.T. Raum für aktuelle Kunst, Luzern)