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Der Garten der Villa Höß, 2015
wood, acrylic, glaze, sand
130 × 260 × 260 cm (plane), 22 × 170 × 170 cm (sandbox)

Im Foyer und auf dem Vorplatz des Kunsthauses ist für die Dauer der Ausstellung ein kleiner Spielplatz eingerichtet: ein aus Holz gebautes Flugzeug und ein Sandkasten warten darauf, von Kindern erobert zu werden. Was auf den ersten Blick als «harmlose» Spielgelegenheit erscheint, erfährt im Inneren des Kunsthauses zusätzliche Deutungsmöglichkeiten. Bereits die an frühere Flugzeugmodelle erinnernde Form, die Farbgebung in Grau mit rot-weiss bemaltem Heck sowie die spärlichen Sandkastenuntensilien, ebenfalls aus einer früheren Zeit stammend, geben möglicherweise Anlass zur Irritation. Im Kontext eines Kunsthauses präsentiert, oszillieren die Objekte zwischen Alltagsgegenstand und Kunstwerk, der entscheidende Hinweis zur Deutung jedoch erfolgt über den Werktitel «Der Garten der Villa Höß». Sebastian Utzni nimmt damit Bezug auf die Villa von Rudolf Franz Ferdinand Höß. Dieser war während des 2. Weltkrieges Lagerkommandant des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau. In unmittelbarer Nachbarschaft zum Lager gelegen verfügte das Wohnhaus, wie Fotografien belegen, über einen grosszügigen Garten mit Spielplatz (Flugzeug, Auto, Sandkasten und Schwimmbad mit Rutsche) für dessen Kinder. Die Idylle des Gartens, das friedvolle Spielen von Kindern, trifft auf die Brutalität der Handlungen des Hausbesitzers. Mit der Nachbildung von Spielgeräten führt uns der Künstler reale Objekte vor Augen, welche durch ihre äussere Beschaffenheit und Benennung unsere Erinnerung aktivieren. Dabei funktioniert der Erinnerungsprozess zweigleisig: Zunächst mag der Betrachter an seine eigene Kindheit oder an die eigenen (Enkel-)Kinder beim Spielen erinnert sein, der historisch interessierte Betrachter wird sich über den Bildtitel jedoch auch an die historischen Ereignisse erinnern. Damit wird auch der schmale Grat beziehungsweise das wechselseitige Nebeneinander von Erinnerung und Vergessen thematisiert. Wer erinnert was? Durch die Präsenz der Werke sowohl im Innenwie auch im Aussenraum des Kunsthauses werden multiple Denkanstösse zur Reflexion über Schuld und Unschuld, Wissen und Gewissen, die Gleichzeitigkeit von Idylle und Gräuel, über Erinnern und Vergessen gegeben.
(Katalogtext Kunsthaus Grenchen)

Fotos © by Alexandra Roth.