Die Präsenz des Unsichtbaren

Interview mit Stefan Wagner und Burkard Meltzer, erschienen in der Diplompublikation Die Letzte, 2008

Sebastian Utzni ist ein Verwalter von Erinnerungen. Wohlgeordnet liegen in seinem Atelier unterschiedlich grosse und farbige Zettel, Postkarten und andere Fundstücke herum. Er spürt damit Geschichten nach – unter anderem auch mit Hilfe von Fotografie und Malerei.

Stefan Wagner: In der Fotoserie Cour des miracles interessierst du dich für Orte, an denen bestimmte historische Ereignisse stattgefunden haben.

Sebastian Utzni: Wobei man sagen muss, dass auch Legenden darunter sind, die nicht hundertprozentig wahr sein müssen.

SW: Du spielst auf das Foto mit der Geschichte von Jonny Cash an.

SU: Ja.

SW: Die nennt man – so glaube ich – Urban Legends?

SU: Genau, ich denke, Legende ist ein gute Bezeichnung dafür, weil damit etwas Antiquiertes mitschwingt.

SW: In deiner Dokumentation erwähnst du, dass in deinen Bilder etwas eingeschrieben ist. Sie können aber erst mit dem dazugehörenden Text die historische Wirkkraft des Ortes enthüllen.

SU: Indem der Betrachter Bild und Text miteinander kombiniert. Eine weitere Rolle dabei spielt natürlich, wie der Betrachter selbst gegenüber dieser Geschichte eingestellt ist.

SW: Wenn es sich dabei auf den ersten Blick um einen belanglosen Ort handelt und etwas erst durch den Text sichtbar wird, dann ist diese Zusatzinformation visuell nicht vorhanden. Inwiefern interessiert dich dabei der Aspekt der Unsichtbarkeit?

SU: Eigentlich sind die Themen sichtbar. Die Frage ist nur: auf welche Weise? Nur wenn man die Geschichte zum Bild nicht kennt und folglich die treffende Gedankenkombination nicht vornimmt, dann sieht man vielleicht etwas anderes als das von mir intendierte. Es gefällt mir, dass eine Offenheit bestehen bleibt. Schauen wir uns beispielsweise diesen Turm an, Cliffords Tower in York. Die Ansicht erweckt den Eindruck, dass es sich um eine touristische Sehenswürdigkeit handelt. Unterhalb von ihm stehen auch Leute und fotografieren. Die Sache ist aber so, dass der Turm zu einer Ruine geworden ist, weil im Mittelalter in dieser Stadt Juden verfolgt wurden und in den Turm flüchteten. Die Stadtbevölkerung hat dann den Turm mitsamt den darin befindlichen Juden abgebrannt.

SW: Du nimmst also eine Rekonstruktion des Unsichtbaren vor. Deine Bilder wirken zuweilen auch melancholisch, weil sie so leer sind. Das erinnert mich auch an Eugène Atget.

Burkhard Meltzer: Bei Atget ging es ja auch um etwas Verschwundenes, um etwas, das durch die Geschichte in Vergessenheit geraten ist.

SU: Meine Tätigkeit hat auch etwas Flaneurhaftes. Nur findet das bei mir in einem weiteren Umkreis statt, man muss sozusagen mit dem VW-Bus durch Europa flanieren.

SW: Wie wird diese Sichtbarkeit erzeugt? Woher beziehst du diese Informationen? Im Fall des Cliffords Tower stammt der Text wahrscheinlich aus einem Reiseführer. Bei der Sportanlage des TSV Landsberg wird es dann schon schwieriger.

SU: Das ist Recherchearbeit, bei der das Internet eine grosse Rolle spielt. Ich suche jedoch nie gezielt nach Legenden oder Geschichten. Die bisherigen Arbeiten entstanden aus Zufallstreffern. Einige Personen haben mir deshalb auch schon geraten, mehr Arbeiten zu produzieren, indem ich nicht mehr selbst an die betreffenden Orte hinfahren würde. Man könnte die Bilder auch gleich direkt aus dem Internet herunterladen oder jemanden fragen, der am entsprechenden Platz fotografiert. Mir ist es aber wichtig, selbst zu diesen Orten hinzugehen. Meistens bin ich dort aber nicht länger als fünf Minuten, um zu fotografieren.

SW: Benötigst du die Authentizität des Ortes?

SU: Vielleicht ist mein Vorgehen mit der Malerei vergleichbar, so, als ob man ein Bild durch die Hand gehen lässt.