Interview mit Natalie Keppler, erschienen in der Publikation zur Ausstellung Here and Now. Und die Ferne wird zur Nähe, 2014

Natalie Keppler: Deine Fotografien und Malereien zeigen eine Oberfläche, hinter der sich oft eine Geschichte verbirgt. Die tiefere Ebene der Bilder, lässt sich durch einen Text oder zusätzliche Information erschliessen. Wie wichtig sind dir aber individuelle Erinnerungen der BetrachterInnen?

Sebastian Utzni: Die individuellen Erinnerungen sind wichtig, aber nur Teil der „Rolle“, die der Betrachter in meinen Arbeiten einnimmt. Oft entsteht für mich nämlich die eigentliche Arbeit im Ganzen erst im Kopf des Betrachters. Zum Beispiel in Cour des Miracles (2006 - ): Man sieht eine Fotografie und einen darunter ins Papier eingeprägten Text - aus der aktiven Betrachtung und Interpretation der beiden und des Raumes dazwischen entsteht erst die Arbeit. Lucius Burckhardt schreibt in seinem Buch Warum ist Landschaft schön?: „Die Grundregel also lautet: ‘Die Landschaft ist ein Konstrukt’. Und mit diesem (…) Wort soll nichts anderes gesagt sein, als dass die Landschaft nicht in den Erscheinungen der Umwelt zu suchen ist, sondern in den Köpfen der Betrachter.“ Ich flaniere durch Medien und Geschichten, genauso, wie man auch durch den Raum flanieren kann. Daraus kreiere ich eine „Oberfläche“, die dann durch die Betrachter zur Arbeit wird.

NK: Du beziehst dich dabei zum Beispiel auf Referenzen der Kunstgeschichte, aber gleichzeitig sammelst du auch Alltagsbilder, die jeder sofort abrufen kann. Wie viel Vorwissen benötigt man für deine Bilder?

SU: Am liebsten keines… Ich denke, das ist auch ein Grund, warum ich gerne seriell arbeite, denn oft kann sich eine Vorgehensweise in der Wiederholung erklären. Natürlich spielen auch die Titel der Arbeiten eine Rolle. Ich schreibe gerne auf Butter auch „Butter“ darauf, wie bei All bridges from Castetownbere to Dublin (2010) oder Acht Weiss (2011): Das ist, was es ist. Und klar stecken da viele Referenzen drin - allein in diesen Titeln zum Beispiel an Ed Ruschas Twentysix Gasoline Stations (1963) oder Gerhard Richters Acht Grau (2002). Ich schätze das sehr, schätze die Geschichte, die Geschichten. Aber Vorwissen soll keine Bedingung sein um überhaupt mit meinen Arbeiten in Kontakt zu treten.

NK: Für die Ausstellung hast du dich eher mit dem "Nicht-Sehenswerten" des Perla-Mode beschäftigt. Es ist die lebhafte Geschichte, die sich in den Räumen als Schichten in Form von Tags, Farbe, Tapete, Dreck abgelagert haben, die du herauslöst und so erst zum Vorschein bringst. Durch den Transfer der (Ge-)Schichten in ein anderes Material und an einen anderen Ort setzt du eine Fläche in dreidimensionale Objekte um. Bekommen diese für dich dadurch eine Aufwertung oder gar Auratisierung?

SU: Diese Orte aus dem Perla-Mode, diese „nicht-sehenswerten“ Details erfahren auf jeden Fall eine Aufwertung, ja. Es entsteht eine riesige Bewegung, eine Verschiebung hin zum Werk. Das ist schon auch eine Auratisierung. Wobei das Perla-Mode ja sowieso schon Schicht um Schicht auratisiert ist, und somit sind die von mir ausgewählten Objekte eher Beispiele für ein Ganzes. Es ist der Versuch einem Ort (kurz vor seinem „Ableben“) ein kleines Monument zu bauen und andererseits auch der Versuch Wunden und Zeit zu kitten. Denn die Orte, diese Details im Perla-Mode, die als Vorlagen für die „Monumente“ dienen, werden von mir gleichzeitig für die Ausstellung renoviert, noch einmal frisch gemacht: eine letzte Heilung, ein Versuch den Lauf der Zeit zu stoppen.

NK: Das hinter die Kulissen blicken ist auch möglich durch die spezielle Präsentationsform deiner Bilder. Denkst du das Gesamtsetting und den Kontext bei der Raumgestaltung mit?

SU: Ja, das Gesamte einer Arbeit ist sehr wichtig für mich. Es muss auf allen Ebenen konsistent sein und da gehört natürlich das Material, der Ort und eben der Kontext dazu. Ich bin überzeugt, dass ein Werk nie das gleiche ist in verschiedenen Kontexten. Und so kam auch die Ausstellungsarchitektur von Je dis toujours la vérité… pas toute… (2013) zu Stande: Es war mir wichtig, das Gefühl eines Informationsstroms und die Möglichkeit zum individuellen Lesen und Bewegen in den Galerieraum zu transferieren. Darum konnten die Bilder nicht einfach in einer bestimmten Abfolge an den Wänden hängen. Doch an einem anderen Ort hätte das Setting womöglich ganz anders ausgesehen. Das Raumgefühl des jeweiligen Ortes ist für mich sehr wichtig. So ist es für mich auch essentiell, dass ich selbst die Reisen an verschiedene Orte gemacht habe. Ich bin der Groupie. Auch wieder so eine Auratisierung…