Ferien, in denen sie alles erinnern
Daniel Morgenthaler

erschienen in der Publikation zur Ausstellung Memoria, Kunsthaus Grenchen, 2015

Ferien auf Imago? Ist gebucht. Ist aber nicht im herkömmlichen Sinne möglich: Imago ist keine griechische oder italienische oder tropische Insel. Imago ist nicht auf der Landkarte. Sehr wohl aber auf der Gedankenkarte. Genauer auf der Mindmap von Sebastian Utzni. Sie war nicht nur auf der Einladungskarte zu seiner Ausstellung «Memoria» im Kunsthaus Grenchen zu lesen, sondern auch – in Neon ausgeformt – beim Eintreten in den grossen Saal im Neubau des Museums.

Es gibt vermutlich wenig Sinnloseres, als eine Mindmap in Prosa wiedergeben zu wollen – man macht ja eine Mindmap primär, um seine Gedanken nicht in Prosa wiedergeben zu müssen. Vielleicht soll es aber erstmal auch gar nicht um die konkrete Geografie von Sebastian Utznis Mind gehen. Also noch nicht um die Namen der von ihm notierten Geistesinseln. Zuerst könnte es um die Mindmap als Form gehen. Der Theoretiker und Kurator Nicolas Bourriaud, bekannt als Erfinder der «Relationalen Ästhetik», hat zu seiner nächsten Erfindung, dem «Altermodern» (übersetzbar vielleicht als «Andersmoderne») geschrieben, dass sich diese auf die Postmoderne folgende Ära am Bild des Archipels erklären lässt: Einer Ansammlung von Inseln und den Gewässern dazwischen, mit Indonesien als grösstem Beispiel. Bourriaud gefällt daran das Clusterartige, das sich vom Kontinentalen – für Bourriaud «der Modernismus des 20. Jahrhunderts, und die heutigen Massenkulturbewegungen» – abgrenzen lässt. [1]

Please Mind the Map

Der Künstler Joe Scanlan fand einmal, dass er sich, wenn man sich den Theoretiker Nicolas Bourriaud als Arzt vorstellt, gerne von ihm eine Krankheit diagnostizieren lassen würde, aber auf keinen Fall von ihm operiert werden wolle. [2] Auf die Metapher des Archipels angewendet könnte das heissen, dass der Inselstaat zwar eine schöne Gedankengeografie – eine Mindmap! – für den post-postmodernen Stand der Dinge darstellt, aber auf dem Operationstisch der Hardcore-Theorie nur so seziert werden kann. Trotzdem können uns hier die formalen Parallelen zwischen einem Archipel und einer Mindmap, wie sie Sebastian Utzni benutzt, interessieren. Eine Mindmap ist die kartografische Antwort auf das Archipel, könnte man auch sagen. Ob das nun heisst, dass Utzni automatisch ein «Altermodernist» ist – vielleicht (Dazu müsste er etwa ein «kultureller Nomade» [3] sein, und vor allem mit Schwarzweiss-Film arbeiten [4]). Drängender ist womöglich gerade die Frage, ob diese Analogie in ihren Details näher an die Arbeit von Sebastian Utzni heranführt.

Ebenfalls Vielleicht. Zu einem Archipelstaat gehören eben unter bestimmten Bedingungen auch die Gewässer zwischen den Inseln. Bei einer Mindmap unterstehen auch die Gewässer zwischen den Geistesinseln der Souveränität der ganzen Inselgruppe: Seewege – Pfeile auf dem Papier – führen von einer Insel zur nächsten und lassen die Mindmap erst mehr werden als eine Aufzählung von Begriffen oder ein Prosageschichtchen zu einem Gedankengang. Bourriaud grenzt das Archipel vom Kontinent ab – wo aber liegt auf einem Mind Archipelago à la Utzni der Kontinent? Bei Bourriaud ist der Kontinent die Moderne. Was aber ist für die Mindmap der Kontinent?

Vielleicht gibt es auf einer Mindmap seit jeher keine Kontinente, oder darf keine geben – weil das Denken sonst nur noch auf dem Landweg möglich ist und weniger sanft gleitet. Oder ist der Kontinent vielleicht ein Text wie dieser hier, der in Versuchung kommt, die Wege zwischen den Inseln auszuformulieren und somit Abweichungen einzuerden?

Vielleicht ist der Kontinent auch viel grösser – wie das Kontinente so an sich haben. Vielleicht ist der Kontinent die Ausstellung um die Mindmap von Sebastian Utzni herum. Vielleicht aber auch nicht, denn diese Ausstellung funktioniert – wie die meisten Ausstellungen heute – selbst viel eher wie eine kontinentenlose Mindmap (Oder wie ein Archipel, wenn wir schon dabei sind): Mit Werkinseln, zwischen denen es viel Raum – der aber nichtsdestotrotz unter der Souveränität des Geistesinselstaats steht – gibt, und zwischen denen man frei umherdenken und -gehen kann. Der Kontinent davon wäre dann vielleicht die klassische Ausstellung mit der traditionellen Salonhängung, bei der die Malereien ja wirklich wie Kontinentalplatten mit nur ganz wenig Raum dazwischen gegeneinanderdriften.

Vielleicht meinte Bourriaud unter anderem das, als er vom Archipel – im Gegensatz zum Kontinent – sprach. Dass eine Ausstellung heute immer ein Archipel für ist. Oder dass es einen guten Grund geben muss, wenn eine Ausstellung noch an der kontinentalen Form festhält. Man könnte da kurz zwischenfragen, weshalb die Darstellung der Bilder, die man als Resultat einer Suche auf einer Suchmaschine präsentiert bekommt, so St. Petersburgisch kontinental ist. Ist vielleicht vor allem Google der Kontinent, vor dem wir uns aufs Archipel flüchten sollten?

Vielleicht ist eine Ausstellung auch immer eine Mindmap, aber in Originalgrösse – wie in der berühmten Geschichte von Jorge Luis Borges mit der genauesten Karte, die exakt gleich gross ist, wie das Gebiet, das sie zeigt. Dann wäre Sebastian Utznis Mindmap auch eine Karte zu seiner Ausstellung, also eine Mindmap der Mindmap – nur, dass sich andere Künstlerinnen und Künstler mit der Ausstellung als Mindmap begnügen und dieses nicht mit einer Mindmap in anderem Massstab backupen.

Auf der Geistesinsel

Um dem nachzugehen, braucht es nun doch noch den Schritt von der Form hin zum Inhalt. In diesem Fall von der Organisationsform der Mindmap hin zu den Inhalten der einzelnen Ausstellungsinseln – von der Karte zum Gebiet vielleicht auch, um eine Unterscheidung aufzunehmen, die Houllebecq zum Titel einer seiner Romane erhoben hat. [5] «Memoria» ist nicht nur der Titel von Sebastian Utznis Ausstellung, sondern auch der Name einer Geistesinsel, von der scheinbar alles ausgeht – vielleicht also so etwas wie das Jakarta dieses Archipels. Diese «Erinnerung» fächert sich auf in verschiedene Unterinseln, zu denen eben die vermeintliche Feriendestination «Imago» gehört – das «Bild» –, oder auch das weniger einladend tönende «Locus» – der «Ort».

Sucht man in der Ausstellung die Insel, die dem «Imago» im Mindmap enstprechen könnte, landet man vielleicht bei der Arbeit «The Martyrdom Cycle». Sebastian Utzni verweist hier auf eine Memorierungstechnik mittelalterlicher Mönche, die sich Bibelstellen anhand grausamer Bilder – «Imago»! – merken konnten. Wie kleine Traumata brannten sich die Bilder in einer römischen Basilika in die Köpfe der Geistlichen ein – und mit ihnen die entsprechenden Verse. Sebastian Utzni hilft unserer Erinnerung in der Ausstellung mit zeitgenössischer Grausamkeit auf die Sprünge. Mit köpfenden IS-Kämpfern, mit zu Tode geschleiften Körpern, mit der am Boden liegenden Leiche von Michael Brown auch, einer bildlichen Ikone im Kampf der afroamerikanischen Bevölkerung um mehr Gerechtigkeit. All das in zeitaufwändiger Holzschnitt Technik, für die sich der Künstler vielleicht ebenso sehr selbst gemartert hat wie es mit den Figuren in den von ihm ausgewählten Bildern geschieht. So schön also die Insel Imago in der Mindmap tönt, als so grausam stellt sich ihre Analogie im Archipel der Ausstellung heraus. Vielleicht also doch keine Ferien auf Imago.

Dafür auf Locus? Hier verweist die schriftlich-bildliche Mindmap von Sebastian Utzni auf die sogenannte Loci-Methode: Auf die in der Antike entwickelte Methode, sich etwa eine Rede anhand einer Reihe von Orten zu merken. Abschnitte einer Ansprache werden dafür an einzelne Orte eines gut bekannten Wegs oder in einer Architektur, in der man sich wohl fühlt, abgelegt. Beides wird dann während des Sprechens im Geist abgelaufen, um gleichzeitig die abgelegten Inhalte aufzulesen – ein wenig wie die Waffen in einem Egoshooter-Computerspiel.

Hierzu gibt es in der Ausstellung weniger eine analoge Einzelinsel – wie das bei «Imago» der Fall ist. Vielleicht ist vielmehr die Ausstellung als Ganzes die Analogie. Denn was ist Ausstellen anderes als die Anwendung der Loci-Methode, einfach im analogen Raum statt im digitalen – Ballergame – oder im geistigen – Kopf. Auch hier werden Gegenstände auf einem Parcours im Raum abgelegt, die dann beim Abschreiten zwar nicht aufgelesen aber doch gelesen werden können. Und die Mindmap ist die Karte dazu.

Runder Kopf, runde Ausstellung

Daraus ergeben sich nun mehr Fragen als Antworten. Zum Beispiel: Ist eine Ausstellung vor allem ein Hilfsmittel zur Erinnerung an die ausgestellten Werke, die man dann im Kopf bequem abschreiten kann (Wie man das ja in der Praxis wirklich oft macht und sich erst so an einzelne Positionen in Gruppenausstellungen erinnert)? Ist Ausstellungsarchitektur immer Erinnerungsarchitektur, auch wenn es sich um ein Museum für zeitgenössische Kunst handelt, und nicht etwa um ein Holocaust-Museum? Müssten Kunsthäuser strukturiert sein wie Köpfe, oder Köpfe wie Kunsthäuser? Was heisst das für ihre Architektinnen und Architekten – die der Kunsthäuser wie die der Köpfe? Könnten Ausstellungen auch nur im Kopf stattfinden? Und müssten Kunsthäuser ebenfalls rund sein, damit die Gedanken nicht in die Ecke machen können?

Oder zum Beispiel auch: Hat die Kuratorin, der Kurator eigentlich viel mit der Oratorin, dem Orator gemeinsam; insofern, als beide Inhalte in Räume platzieren,auf dass diese dann wieder aufgelesen werden? Oder ist vielmehr die Künstlerin, der Künstler die Rednerin,der Redner? Was heisst es – in Bezug auf diese Rollenverteilungen – wenn Sebastian Utzni die eigene Mindmap zur Mindmap der Ausstellung dazu liefert? Ist, am Ende, diese Ausstellung und ihre entsprechende Mindmap, genauso ein Manifest wie die Manifeste, die Utzni mühsam für seine ebenfalls in der Ausstellung zu sehende Malerei-Serie abgemalt hat? Indem sie nämlich das manifest werden lässt, was in der Mindmap erst aufgezeichnet ist?

Nehmen wir einmal an, dass es so ist. Dann können wir aus diesem Manifest heraus Folgendes lesen – und es absichtlich manifestartig formulieren: Kunst kommt nicht von Können, sondern von Erinnern! Kunst kommt nicht von Körper – die sind hier fast ganz abwesend – sondern von Kopf! Kunst ist eine Mnemotechnologie! Eine Ausstellung ist immer ein Archipel! Eine Ausstellung folgt immer einer Mindmap! Ein Kontinent darf nicht in Sicht kommen! Ausstellen ist auch eine Rede halten! Eine Ausstellung ist auch ein Videogame, nur dass man nichts auflesen darf! Eigentlich sollte man es vielleicht auflesen dürfen!

Es gibt vielleicht wenig Sinnloseres, als eine Ausstellung, die auch ein Manifest sein könnte, wieder in ein sprachliches Manifest zu übersetzen. Deshalb hört das hier auf. Stattdessen also doch Ferien auf Imago, Locus oder Memoria. Ferien, in denen sie alles erinnern.

[1] Nicolas Bourriaud, «Altermodern – Tate Triennial», London: Tate Publishing, 2009, S. 12 (Übersetzung des Autors).
[2] Joe Scanlan, «The Uses of Disorder», Artforum Februar 2010, S. 167.
[3] Bourriaud, S. 13.
[4] Bourriaud, S. 21.
[5] Michel Houellebecq, «Karte und Gebiet», Köln: Dumont, 2011.

Daniel Morgenthaler (*1978 in Visp, lebt in Zürich),
Studium der Anglistik, Germanistik und Philosophie in Zürich und Sheffield. Seit 2011 als Kurator am Helmhaus Zürich tätig, Ausstellungsprojekte beispielsweise mit San Keller, !Mediengruppe Bitnik, Christian Waldvogel, De La Fuente Oscar De Franco, Gruppenausstellungen zu Gestik («Talk to the Hand», 2013) oder zum Begriff «Geschichte» («Geschichte in Geschichten», 2015). Freier Autor von Katalogbeiträgen und für Zeitschriften wie Züritipp, Kunst-Bulletin und Apartamento. Punktuelle Lehrtätigkeit an der Zürcher Hochschule der Künste und der Hochschule der Künste Bern.